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Denkmal
für die Frauen im Widerstand
"Wir werden die Stadt nicht verlassen!"
Der Aufstand der Bewohnerinnen von Carrara am 7.7.1944
Im Juli 2004 jährt sich zum 60. Mal der "Frauenaufstand
von Carrara". Die dortige "Via Garibaldi" - sonst
unverzichtbar in nahezu jeder italienischen Stadt - ist schon
vor langer Zeit in "Via 7 luglio" (7. Juli) umbenannt
worden. An dem Platz, von dem der Aufstand seinen Ausgang nahm,
ist eine Gedenktafel "für den siegreichen Protest der
Frauen von Carrara" angebracht, die "es gewagt hatten,
den Feind herauszufordern". Im Zentrum der Stadt befindet
sich seit 1974 das Monument mit dem Titel "Die Frau im Widerstand",
das den Aktivistinnen des zivilen Widerstands gewidmet ist: Wo
sonst manifestiert sich Frauengeschichte derart offensiv in der
Öffentlichkeit wie in diesem als Stadt des Marmors bekannt
gewordenen Ort an der toskanischen Mittelmeerküste?
Hält man sich die Tragweite des Aufstandes im Juli 1944
vor Augen, braucht das Andenken an diesen Frauenprotest nicht
weiter zu verwundern: Die geplante Evakuierung Carraras durch
die deutsche Besatzungsmacht verhindert zu haben, bedeutete nichts
weniger, als den militärischen Widerstand in dieser Gegend
bis zur endgültigen Befreiung im April 1945 ermöglicht
zu haben. Wäre die Stadt geräumt worden, hätten
die Partisanen nicht länger Widerstand leisten können.
Ohne Rückhalt und Unterstützung durch die Zivilbevölkerung
beispielsweise in Form von Lebensmittel- und Kleiderlieferungen
oder der Informationsvermittlung konnte sich der bewaffnete Widerstand
nicht lange halten. Doch genau diesen Widerstand zu brechen hatten
die Deutschen mit ihrem Räumungsbefehl vom 7. Juli 1944 bewirken
wollen und genau das war von den Frauen verhindert worden.
Fest entschlossen gemeinsam den Räumungsbefehl verhindern
Noch heute erinnern sich die nach wie vor politisch aktiven Zeitzeuginnen
aus Carrara an diese Tage im Juli: "Am 7. Juli gab das deutsche
Kommando, das Carrara besetzt hatte, den Befehl die Stadt zu evakuieren.
Wir aktiven Frauen waren schon vorab vom Nationalen Befreiungskomitee
darüber informiert und aufgefordert worden, uns dagegen zur
Wehr zu setzen. In Carrara wohnten damals rund 100.000 Menschen,
die, wenn es nach den Deutschen gegangen wäre, wie die Schafe
über den Apennin hätten getrieben werden sollen. Wir
haben uns in verschiedene Gruppen eingeteilt und sind sofort am
nächsten Morgen zwischen 7 und 8 Uhr von Haus zu Haus gegangen
und haben die Frauen aufgefordert herauszukommen und alle zusammen
vor das deutsche Kommando zu ziehen.", so eine Zeitzeugin.
Francesca Rola, heute Präsidentin der Partisanenorganisation
(A.N.P.I.) in der Provinz Carrara, erzählt weiter: "Wir
warnten alle, dass die Deutschen ihre Laster schon auf der Piazza
Farini bereitgestellt hätten. Die Frauen, die sich uns anschlossen,
wurden in Gruppen aufgeteilt und jeweils von einer Partisanin
angeführt. So fanden wir uns alle auf der Piazza delle Erbe
ein. Von dort aus bewegte sich unserer Zug zum alten Rathaus."
Vor dem deutschen Kommando angekommen, riefen die Frauen Sprechchöre
gegen die Räumung. Der Zug war mittlerweile auf mehrere hundert
Personen angewachsen, die Transparente mit Aufschriften wie "Wir
werden die Stadt nicht verlassen!" mit sich trugen. Die Schilderungen
der beteiligten Zeitzeuginnen machen deutlich, wie sich die Frauen
in diesem Moment ihrer Stärke bewusst wurden: "Die Frauen
waren fest entschlossen, gemeinsam den Räumungsbefehl zu
verhindern. Unser Vorgehen beeindruckte nicht nur die ganze Stadt,
sondern auch die Deutschen. Die Verhaftung von einigen aus unseren
Reihen konnte uns nicht mehr aufhalten, im Gegenteil: Dies bestärkte
uns nur in unserem Vorgehen." Vergeblich versuchten die Deutschen
mit Schlägen ihrer Gewehrkolben die Frauen zu verjagen. Schließlich
wurde eine Abordnung aus den Reihen der Protestierenden zum deutschen
Kommando vorgelassen, die das Versprechen erhielt, der Räumungsbefehl
würde aufgehoben. Doch schon am nächsten Morgen hingen
erneut deutsche Befehle zur Evakuierung der Stadt an den Mauern.
Auf den Protest der Frauen vorbereitet, hatte man an den Straßenecken
Soldaten mit Maschinengewehren aufgestellt. Doch dies brachte
die Frauen nur noch mehr auf. Erneut kam es zu einem Massenauflauf,
dessen Ausmaß die Deutschen überrumpelte. Stundenlang
blockierten die Frauen die Straße. "Endlich, da wir
uns nicht bewegten, kapitulierte das deutsche Kommando am 11.
Juli", so eine der Beteiligten. Das Räumungsvorhaben
der Deutschen wurde endgültig aufgegeben.
Als es im Sommer 1944 zu diesem Frauenaufstand von Carrara gegen
die deutsche Besatzung kam, waren viele der daran Beteiligten
schon vorab politisiert gewesen. Wie Marisa Ombra, die in einer
Partisaneneinheit mitkämpfte, erklärte, hatten die meisten
Frauen bereits durch eine familiäre antifaschistische Prägung
klar gegen Faschismus und nationalsozialistische Gewaltherrschaft
Position bezogen. Anders als im restlichen Norditalien war in
Carrara die anarchistische Bewegung sehr stark, sicherlich zurückzuführen
auf das starke Selbstbewusstsein der Marmorarbeiter, die der Massenorganisation
durch die Kommunisten individuelle Politik- und Widerstandsformen
vorzogen. Maria Marconi erzählt: "Ich bin 1922 als siebtes
Kind geboren. Mein Vater war Anarchist, meine Mutter ebenso. Ich
musste ganz einfach auch aktiv werden, verstehst du?"
"Wir wurden von einer inneren Notwendigkeit getrieben"
Die Aktivsten unter den AntifaschistInnen waren auch hier, wie
im restlichen von den Deutschen seit September 1943 besetzten
Italien, in den so genannten Frauenverteidigungsgruppen (gruppi
di difesa della donna) organisiert. Aufgabe der Gruppen war es,
politische und strategische Informationen an die Partisaneneinheiten
weiterzuleiten und die Verbindungen untereinander aufrechtzuerhalten.
Auch Sabatoge wurde von ihnen betrieben, indem sie z. B. Proklamationen
oder Aufrufe der faschistischen Republik von Saló, sich
zum Militär zu melden, übertünchten und unkenntlich
machten oder Straßenschilder verstellten, um die gegnerischen
Truppenbewegungen zu behindern. Die Mittel dieser in der Regel
unbewaffneten Frauen im Widerstand gegen die Nazibesatzung waren
Irreführung und Verkleidung. Dina Bacciola erinnert sich:
"Eine Frau, die uns Waffen für den Weitertransport an
die Partisanen überbrachte, hatte das Gewehr wie ein Baby
in Windeln gewickelt, sogar ein Mützchen hatte sie übergezogen
und alles mit einer Decke zu gedeckt."
Die Motivation dieser aktiv am Widerstand beteiligten Frauen erklärt
Francesca Rola folgendermaßen: "Nein, Heldinnen waren
wir nicht. Wir wurden von einer inneren Notwendigkeit getrieben.
Denn es ist - für viele - eine Notwendigkeit sich frei zu
fühlen und für die vorenthaltenen Freiheiten zu kämpfen.
Und wir Frauen hatten noch mehr Gründe dazu. Der Faschismus
war das Gegenteil von dem, war wir wollten. Lesen, studieren,
uns ausbilden, etwas über die Welt erfahren ..." So
stark die anarchistische Bewegung unter den Marmorarbeitern war,
so stark wurde in Carrara umgekehrt der Faschismus von den Unternehmern
der Marmorindustrie finanziert.
Eine Besonderheit der Kriegssituation in den Apuanischen Alpen
an der Grenze zwischen der Toskana und Ligurien war die Lebensmittelknappheit,
da in dieser Gegend kaum Landwirtschaft möglich ist. In allen
Erinnerungen, ob Frau oder Mann, tauchen die Züge der Frauen
auf, die mit dem Fahrrad und zu Fuß den Apennin überquerten,
um in der landwirtschaftlich reicheren Region Emilia Romagna das
von ihnen mitgeschleppte Salz gegen Mehl einzutauschen. Organisiert
wurden auch diese Züge von den Frauenverteidigungsgruppen.
Angriffe von Diebesbanden und Beschlagnahmung der Ware auf dem
Nachhauseweg durch die Faschisten erschwerte diese ohnehin mühsame
und langwierige Form der Nahrungsmittelbeschaffung. Pina Menconi
musste während der Abwesenheit ihrer Mutter Lea Ciolli als
Älteste auf ihre kleineren Geschwister aufpassen. Sie erinnert
sich, wie sie nach einigen Tagen an der Straße auf ihre
Mutter wartete und die zurückkehrenden Frauen ängstlich
nach ihr fragte. Die Frauen konnten durch beschwerlichen Märsche
die Versorgung von 100 bis 120.000 Menschen in Carrara gewährleisten
und so den Widerstand über den harten Winter 1944/45 hinweg
ermöglichen. Frauen wie Lea Ciolli ist das bereits angesprochene
Denkmal "Die Frau im Widerstand" in Carrara gewidmet.
Nadja
Bennewitz

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Francesca
Rola, Jg. 1915, Partisanin:
"Dann sind wir schließlich weiter auf den Marktplatz
(Piazza delle Erbe) gezogen, um dort alles aufzumischen
und die Marktfrauen zum Mitgehen zu bewegen; wir haben die
Schulen schließen lassen, die Geschäfte, alles,
denn wir sagten den Leuten: "Heute ist der Tag, an
dem Carrara geräumt werden soll. Wenn ihr nicht gehen
wollt, dann müsst ihr mit uns kommen." Und dann
sind sie mitgekommen, die meisten zumindest. Andere haben
erst noch überzeugt werden müssen, haben sich
uns aber kurze Zeit später angeschlossen. Die Deutschen
haben es dann wirklich mit der Angst zu tun bekommen."

Elena Pensierini, Jg. 1924:
"Unter den Frauen hatte sich schon tiefe Kriegsmüdigkeit
breit gemacht und so war es nicht schwer, sie auf unsere
Seite zu ziehen. Es wäre schließlich für
uns alle ein Drama gewesen, unsere Häuser, unseren
persönlichen Bezugspunkt im Leben verlassen zu müssen,
schlimmer noch als die Bomben und der Hunger."

Pina Menconi

Räumungsbefehl
der deutschen Ortskommandantur
Die
Berichte der Zeitzeuginnen sind folgenden Büchern entnommen
und von der Autorin übersetzt worden: Amministrazione
Provinciale di Massa-Carrara: A Piazza delle Erbe! L'amore,
la forza, il corraggio delle donne di Massa-Carra, 1996;
Lindi, Letizia/Rasetto, Maria Rita: Le donne del VII luglio,
in: A.N.P.I. Carrara: La meglio gioventú. La memoria
che restiste, 2004.
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