Ein Vortrag von Dr. Gudrun Jäger (G.Jaeger@lingua.uni-frankfurt.de) im Rahmen eines Studientages Jüdischer Widerstand und Hilfe für Verfolgte am 24.11.2001 in Frankfurt/Main.
Liana Millu wurde 1914 in Pisa geboren. Ihre Mutter starb, als sie ein Jahr alt war, ihren Vater, der bald wieder heiratete, hat sie wenig gekannt. Sie wuchs in Obhut ihrer Großeltern auf, die gläubige Juden waren und hatte deshalb auch eine religiöse Erziehung. Der regelmäßige Besuch der Synagoge, die Befolgung der Speisegesetze, das Fasten zu Jom Kippur und die rituelle Begehung des Sabbats gehörten in Liana Millus früher Kindheit zum Alltag.
In Italien gab es seinerzeit rund 40 000 italienische Juden. Die jüdische
Gemeinde in Pisa war nicht so groß wie die in Turin, aber von ihrer Anzahl
her doch beträchtlich. Eine Art von ,Sonderstatus' oder ,Sonderbehandlung'
durch die katholische Umwelt wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum hat
Liana Millu in ihrer Kindheit nicht erlebt. Sie besuchte die öffentlichen
Schulen und war - abgesehen vom Religiösen - in das allgemeine kulturelle
und gesellschaftliche Leben der Stadt vollkommen integriert. "Eine rassische
Diskriminierung hat es bis zur Verabschiedung der faschistischen Rassegesetze
in Italien nicht gegeben. Jüdin sein bedeutete damals nichts anderes als
einer anderen Religion anzugehören. Es bedeutete so viel wie Protestant
oder Katholik zu sein."
Von ihrer jüdischen Herkunft hat sich Liana Millu nie distanziert, wohl
aber von ihrem jüdischen Glauben, dem sie schon als Kind fremd gegenüberstand.
"Ich bin Agnostikerin, eine Agnostikerin, die von Kindheit an und die ganzen
Jugendjahre hindurch entschiedene Atheistin war. Wie war das möglich? Wie
kann es einem Kind passieren, das im jüdischen Glauben geboren wird, heranwächst
und liebevoll erzogen wird, dass es sich so früh diesem Glauben entfremdet?
Dabei war es nicht nur ein Verschließen gegenüber dem jüdischen
Glauben, sondern auch gegenüber dem Glauben, dem der katholische Zweig
der Familie angehörte. Denn es war eine Familie, in der gute Juden und
gute Katholiken ein friedfertiges Auskommen hatten, indem sie sich gegenseitig
respektierten und gerne mochten, ohne dass sich der eine der Religion des anderen
jemals zu sehr angenähert hätte. Ich glaube, dass in jenen Jahren
Juden und Katholiken bei der bloßen Vorstellung eines ökumenischen
Gebets im höchsten Maß entsetzt gewesen wären."
Das Zitat, das aus einem "Gefühl des Mysteriums" (Il senso del
mistero) überschriebenen autobiographischen Artikel stammt, veranschaulicht
sehr gut, die friedliche Koexistenz zwischen Juden und Katholiken, das Milieu
der gegenseitigen Achtung und des vollkommenen Respekts zwischen den Religionen,
wie es Liana Millu am Beispiel ihrer eigenen Familie erlebt hat. Die Frage allerdings,
wo ihr frühkindlicher Atheismus, den sie lange Zeit vor den Erwachsenen
geheim hielt, herkommen könnte und ob man ihn vielleicht psychologisch
durch schwierige Familienkonstellationen, womöglich durch die fehlenden
Eltern erklären könnte, bleibt in dem Artikel offen. Keinen Zweifel
lässt sie dagegen daran, dass sie im Laufe ihres Lebens dennoch zu einem
gläubigen Menschen geworden ist. Allerdings ist es weder ein politischer
noch ein religiöser Glaube, der ihr moralische Richtschnur war. Vielmehr
ist es das, was sie "fede laica" nennt, direkt übersetzt heißt
das "laizistischer Glaube" oder auch etwas freier übersetzt "Glaube
an die Menschheit" oder "Glaube an den menschlichen Geist". Lassen
wir sie selbst sprechen: "Der laizistische Glaube, den auch Primo Levi
besaß, lässt im Geist und in der Seele einen Schutzwall entstehen,
einen uneinnehmbaren Bunker gegen die äußere Brutalität und
Niedertracht, eine Zuflucht, wo man eine Vorstellung, einen Begriff von den
Dingen bewahren kann, die das Leben lebenswert und zivilisiert machen."
Und noch ein zweites Zitat zum Thema Glaube: "Immer wenn man mich auffordert
zu reden, erzähle ich und lege Zeugnis ab. Dabei beharre ich darauf, dass
überall dort, wo eine mächtige und brutale Gewalt sich anschickt,
den menschlichen Geist zu zerstören - wohlgemerkt den Geist noch vor dem
Körper -, dass also überall dort, wo eine derartige Gewalt existiert,
man nur widerstehen kann, wenn man menschlich bleibt und das heißt, wenn
man eine Gegenmacht aufbaut und sich mit der moralischen Rüstung eines
Glaubens verteidigt."
1938 wurden in Italien die faschistischen Rassegesetze verabschiedet. Für
Liana Millu, deren Großmutter bereits gestorben war und die daher fast
ohne familiären Rückhalt überleben musste, ein höchst tragisches
Ereignis. Bereits am 2. und 3. September 1938 wurden Verfügungen erlassen,
die die jüdischen Kinder aus den allgemeinen Schulen ausschlossen und jüdischen
Lehrern das Unterrichten in den öffentlichen Schulen untersagten. Im November
des gleichen Jahres wurden dann weitere "Maßnahmen zum Schutz der
italienischen Rasse" verabschiedet, darunter das Verbot der sogenannten
"Mischehe".
Liana Millu, die eine pädagogische Ausbildung an einem "Istituto Magistrale"
absolviert hatte, hatte 1936 ihre Heimatstadt verlassen und eine Stelle als
Grundschullehrerin in Volterra südlich von Pisa angetreten. Gleichzeitig
hatte sie begonnen für eine Zeitung in Livorno Artikel zu schreiben, denn
ihr eigentliches Berufsziel war es, Journalistin zu werden. Nach den Rassegesetzen
wurde sie sofort aus dem Schuldienst entlassen und verlor auch ihre Arbeitsmöglichkeit
bei der Zeitung. Sie schlug sich fortan in verschiedenen Privathäusern
in der Toskana als Erzieherin und Gouvernante durch und ging 1940, kurz nach
Italiens Eintritt in den Krieg, aus privaten Gründen nach Genua, wo sie
heute noch lebt.
In Genua schloss sie sich 1943 gleich nach dem Einmarsch der Deutschen der Resistenza
an. Die Gruppe, zu der sie gehörte, hieß "Otto" und war
nach ihrem Gründer, dem Genueser Arzt Ottorino Balduzzi benannt. Es war
die erste Widerstandsgruppe, der es gelungen war, Kontakt zu den Alliierten
aufzunehmen. Ihr Ziel war der Aufbau eines Nachrichtensystems und die Weiterleitung
strategisch wichtiger Informationen an die Alliierten, beispielsweise über
die Truppenbewegungen der deutschen Wehrmacht. Obwohl die Gruppe nur fünf
Monate existierte, arbeitete sie recht effektiv. Zu ihren erfolgreichen Aktionen
gehörte die Befreiung von britischen Offizieren aus Kriegsgefangenenlagern
in Ligurien. Liana Millus Aufgabe bestand vor allem darin, die Verbindung zwischen
den über verschiedene Städte Norditaliens verstreuten Gruppenmitgliedern
aufrecht zu erhalten, das heißt sie arbeitete vorwiegend als "staffetta",
als Nachrichtenkurier.
Sie war damals sechsundzwanzig Jahre alt, unverheiratet und das einzige weibliche
Mitglied der Gruppe. Obwohl ihre Beteiligung an der Resistenza, bedenkt man
die breite soziologische und bildungsmäßige Vielfalt der weiblichen
Widerstandskämpferinnen in Italien, sicher nicht untypisch war, war ihre
Entschluss, sich gegen die deutsche Okkupation und das faschistische Regime
aktiv zur Wehr zu setzten, doch das Resultat einer bewussten Entscheidung. Liana
Millu gehörte jedenfalls nicht zu den zahlreichen Frauen, die von Haus
aus antifaschistisch sozialisiert waren oder über familiäre Umstände,
weil sie beispielsweise ihre im Partisanenkampf stehenden Ehemänner, Söhne
oder Brüder unterstützen wollten, in den Widerstandskampf sozusagen
'hineingewachsen' sind. Sie kam vielmehr aus einer behüteten, bildungsbürgerlichen
Familie und hatte sich in ihrer Jugend durch eine umfassende Lektüre eine
solides humanistisches und literarisches Wissen angeeignet. Ihre Motivation,
sich an der Resistenza zu beteiligen, kann man daher am ehesten mit einem rebellisch-humanistischen
Gefühl, mit einem aufklärerischen Impetus erklären, mit jenem
Geist also, den ich weiter oben unter dem Begriff der "fede laica"
vorgestellt habe. Wichtig scheint es mir hier jedoch festzuhalten, dass Liana
Millus jüdische Herkunft und die Tatsache, dass sie nach den Rassegesetzen
als Jüdin gezielt diskriminiert worden war, als Motivation für ihren
Eintritt in die Resistenza keine Rolle spielte. Dies wird von ihr ausdrücklich
betont.
Im Februar 1944, also nach knapp einem halben Jahr Lebensdauer, wurde die "Otto"
durch einen eingeschmuggelten Spion verraten und ihre Mitglieder wurden verhaftet.
Liana Millu befand sich gerade in Begleitung von zwei Kameraden, italienische
Offiziere, ausgestattet mit falschen Ausweispapieren, in einer geheimen Mission
in Venedig. Sie wurde von der faschistischen Miliz festgenommen, verhört
und es wurden Erkundigungen über sie eingeholt. Sie rechnete mit der in
solchen Fällen üblichen Vorgehensweise, nämlich der Auslieferung
an die Gestapo, wo man sie womöglich gefoltert hätte, um Informationen
über ihre Kameraden aus ihr herauszupressen. Doch es kam alles ganz anders.
Der Oberst der faschistischen Miliz, nachdem er herausgefunden hatte, dass Liana
Millu Jüdin war, lieferte sie - aus einem Gefühl des Mitleids heraus
- nicht der Gestapo aus, sondern schickte sie in ein normales Frauengefängnis
in Venedig.
Liana Millu war über diese Entscheidung ungemein erleichtert, weil sie
eine mögliche Folterung weit mehr fürchtete als den Tod. "Ich
hatte keine Angst zu sterben, denn der Tod war für jemanden, der sich der
Resistenza anschloss, ein einkalkuliertes Risiko. Aber ich hatte eine wahnsinnige
Angst vor der Folter, so dass ich für den Extremfall sogar eine Rasierklinge
im Absatz versteckt hatte. Außerdem fürchtete ich, unter der Folter
vielleicht Informationen über meine Kameraden preiszugeben. Deshalb habe
ich über Widerstandsaktionen und daran beteiligte Personen nie irgendwelche
Einzelheiten erfahren wollen. Ich sagte immer: ,Sagt mir, was ich tun soll,
darüber hinaus will ich nichts wissen.'" Dass sie seinerzeit nicht
der Gestapo ausgeliefert wurde, empfand Liana Millu als großen Glücksfall,
auch wenn ihr ,Glück', wie sich allerdings erst später herausstellte,
nur darin bestand, dass sie die Folter gegen eine möglichen Tod in den
Gaskammern von Auschwitz-Birkenau eingetauscht hatte. Aber das konnte sie damals
nicht wissen.
Nach etwa vier Wochen im Frauengefängnis von Venedig, wo Millu mit normalen
Kriminellen wie Diebinnen, Mörderinnen, Erpresserinnen und Prostituierten
inhaftiert war, kam sie im April 1944 in das Konzentrationslager Fossoli di
Carpi in der Nähe von Modena. Bei Fossoli, einem ehemaligen Kriegsgefangenenlager,
handelte es sich um ein sogenanntes "nationales Konzentrationslager",
das heißt es war ein zentrales Sammellager, in dem die an verschiedenen
Orten Italiens meist bei Razzien verhafteten Juden, die man vorübergehend
in den Provinzkonzentrationslagern oder den lokalen Gefängnissen festgehalten
hatte, zusammengeführt wurden. Die Errichtung eines Systems von Konzentrationslagern
in den Provinzen erfolgte in der Verantwortung der Polizeibehörden des
faschistischen Regimes von Salo', das am 30. November 1943 mit der Polizeiverordnung
Nr. 5 eine entsprechende Regelung erlassen hatte. Die Forschung hat bislang
kein Dokument gefunden, wonach diese Polizeiverordnung das Ergebnis gezielter
deutscher Einflussnahme gewesen wäre. Es muss also davon ausgegangen werden,
dass die faschistische Regierung hinsichtlich der Internierung der jüdischen
Bevölkerung aus Interesse am eigenen Machterhalt den deutschen Okkupanten
bewusst entgegenkam. Ob sich das italienische Innenministerium und die Polizeidirektion
andrerseits im Klaren waren, welchem Ziel die Deportationen dienten, ist jedoch
fraglich. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest Klaus Voigt in seiner Studie "Zuflucht
auf Widerruf. Exil in Italien 1933-1945". Er schreibt: "Es spricht
nichts dafür, dass mit der Polizeiverordnung Nr. 5 autonome Vernichtungsziele
verbunden waren. Dies lässt eigentlich nur die Schlussfolgerung zu, dass
das Schicksal der Juden der Regierung von Salo' vollkommen gleichgültig
war, wenn sie nur Autorität und Handlungsfähigkeit gegenüber
der Anhängerschaft demonstrieren konnte. Der abhängige Staat war auf
die Fiktion der Souveränität angewiesen und konnte weniger denn je
auf extreme Feindbilder und die Integrationskraft von Rassismus und Antisemitismus
verzichten. Man möchte von einem antisemitischen Aktivismus sprechen, der
um der Machterhaltung und -entfaltung willen die Aufopferung der Juden in Kauf
nahm und es unterließ, wenigstens durch Passivität ein Signal für
Obstruktion zu geben." (Bd 2, S. 365)
Das Lager von Fossoli lag strategisch günstig zwischen Nord und Süd
in der Nähe des Bahnhofs von Carpi. Es konnte, als es voll funktionstüchtig
war, bis zu 5000 Menschen aufnehmen. Es war mit Stacheldrahtzaun umgeben und
die Wachposten, es handelte sich anfänglich um Carabinieri, verfügten
über Schilderhäuser. Ab Januar 1944 wurden in einem separaten Bereich
auch politische Häftlinge interniert. Die Verwaltung erfolgte nach dem
gleichen Muster wie die der Provinzkonzentrationslager, das heisst der Direktor
war ein von der Questura in Modena mit Zustimmung des Innenministeriums ernannter
Polizeikommissar. Für die Instandsetzungsarbeiten und die Lebensmittelversorgung
war der Bürgermeister von Carpi zuständig.
Das Lager von Fossoli, durch dessen Aufbau das faschistische Regime gleichsam
die ,Infrastruktur' im Vorfeld der Deportationen bereitgestellt hatte, war kaum
länger als zweieinhalb Monate unter rein italienischer Verwaltung. Danach,
das heißt mit dem Einsetzen der Deportationen, übernahmen die deutschen
Sicherheitsbehörden, die ihren Hauptsitz in Verona hatten, die Überwachung
und Leitung des Lagers. Der erste Transport mit Juden aus Fossoli verließ
am 19. Februar 1944 den Bahnhof von Carpi Richtung Konzentrationslager Bergen-Belsen.
Es handelte sich dabei um den zweiten Transport überhaupt aus Italien.
Der erste war gut vierzehn Tage zuvor aus Mailand mit rund 600 italienischen
Juden nach Auschwitz aufgebrochen. Die Deportierten waren vorher im Gefängnis
San Vittore in Mailand und im Gefängnis von Verona inhaftiert gewesen.
Liana Millu, die erst im April 1944 vom Gefängnis in Venedig in das Lager
Fossoli überführt worden war, war insgesamt rund vier Wochen in dem
Sammellager interniert. "Nach einem Monat hieß es, wir kämen
jetzt nach Deutschland zum Arbeiten. ;Na gut, wenn es nur das ist', dachten
wir erleichtert, ,dann arbeiten wir eben.' Am 14. Mai mußten wir auf einen
Lastwagen steigen und wurden zum Bahnhof transportiert. Vorher hatten wir uns
auf dem Schwarzmarkt noch Lebensmittel, Kleidung und Essen besorgt."
Am 16. Mai 1944 brach von Fossoli ein Güterzug nach Bergen-Belsen und Auschwitz
auf. Von den mehrere hundert Menschen, die sich auf die Waggons des Konvois
verteilten, war ein Großteil libysche Juden britischer Staatsangehörigkeit.
Deshalb fand der Transport nach den Richtlinien der Genfer Konvention, das heißt
unter Aufsicht des Roten Kreuzes statt und die Transportbedingungen waren für
alle vergleichsweise erträglich. In den Eisenbahnwaggons war genügend
Platz, um sich hinzulegen, es wurden regelmäßig Pausen gemacht und
es gab ausreichend zu essen. Wohin die mehrtägige Reise ging, wussten allerdings
weder Liana Millu noch ihre Leidensgenossen. Dass das Ziel kein einfaches Arbeitslager
war, wie die meisten vermuteten, stellte sich erst bei der Ankunft in Auschwitz
heraus. "Auf einmal wurden die Waggontüren aufgerissen und wir betraten
eine inhumane Welt. Wir sahen die Kapos, die laut herumschrien und Stockschläge
verteilten, die SS mit den kläffenden Hunden. Ich hörte dieses ,schnell!
schnell!'- das erste deutsche Wort, das ich verstand, immer dieses ,schnell!
schnell! schnell!'. Sie rissen uns die Koffer aus der Hand, stießen uns
gewaltsam aus den Waggons und trennten sofort die Alten und schwangeren Frauen
von den Jungen."
Obwohl es zunächst den Anschein hatte, daß man die Häftlinge
in Arbeitsfähige und Arbeitsunfähige einteilte, war das wirkliche
Kriterium dieser Selektion die heillose Überfüllung des Lagers. Selbst
wer, wie Liana Millu, der Gruppe der Jüngeren zugeteilt worden war, konnte
nicht sicher sein, dem sofortigen Gastod zu entgehen. "Wir Jungen dagegen,
sowohl Männer wie Frauen, mußten uns in Fünferreihen aufstellen.
Eine Freundin von mir, die ich während des Transports kennengelernt hatte,
drehte sich um und rief: ,Komm doch in meine Reihe!' Ich machte drei Schritte
nach vorn und stellte mich neben sie. Am Eingangstor, daran erinnere ich mich
wie heute, stand ein deutscher Offizier. Er war jung und sehr elegant. Er hielt
eine kleine Peitsche hoch. Meine Reihe hatte gerade das Tor passiert, da senkte
er die Peitsche. All die jungen Menschen, die hinter mir waren, einschließlich
derer, die in der Reihe standen, in der ich mich vorher befunden hatte, kamen
an diesem Morgen nicht mehr in das überfüllte Lager. Sie erhielten
den Befehl zum Abmarsch in die Gaskammer. Deshalb sage ich immer, daß
ich sehr sehr großes Glück hatte. Es waren drei Schritte, die mir
das Leben retteten."
Später wies man anhand von Dokumenten nach, daß von den achthundert
Häftlingen, die an diesem Tag in Zügen aus verschiedenen Teilen Europas
herangekarrt worden waren, nur siebzig ins Lager gekommen sind. Alle anderen
sind noch am selben Tag in den Gaskammern ermordet worden.
Insgesamt viereinhalb Monate, vom 1. Juni bis zum 15. Oktober 1944, war Liana
Millu in Birkenau. Als sich gegen Ende des Jahres der russische Vormarsch in
Polen näherte, begannen die Deutschen das Lager zu räumen: "Das
war mein zweites sehr großes Glück. Ich gehörte zu den Ersten,
die evakuiert wurden, und obendrein zu denen, die mit dem Zug wegfuhren. Als
die Russen im darauffolgenden Januar Auschwitz einnahmen, mußten die Dagebliebenen
einen siebenhundert Kilometer langen Fußmarsch antreten. Einer von ihnen
war Primo Levi."
Liana Millu wurde nach Malchow an der mecklenburgischen Seenplatte deportiert,
wo sich ein Außenlager des Konzentrationslagers Ravensbrück befand.
Dort musste sie über ein halbes Jahr in einer im Wald versteckten Waffenfabrik
täglich zwölf Stunden für die Rüstungsindustrie arbeiten.
Im Frühjahr 1945 häuften sich dann die Bombenangriffe der Alliierten,
und es verschlechterte sich die allgemeine Ernährungssituation. Doch erst
im Mai ließen die Deutschen das Lager im Stich, und die Häftlinge
konnten sich von einem Tag auf den anderen als ,frei' betrachten. Doch was konnten
sie anfangen, mit der neu gewonnen Freiheit - mittellos und ausgemergelt, wie
alle waren, am Rande der psychischen und physischen Erschöpfung? "Schwerin"
hieß das Losungswort. Dort, zweihundert Kilometer entfernt, verliefe die
Demarkationslinie, wo sich Russen und Engländer gegenüberstünden,
und von dort aus gäbe es die Chance, zurück in die Heimat zu kommen.
In dem autobiographischen Roman "Die Brücke von Schwerin", den
Liana Millu rund dreißig Jahre später niederschrieb und der 1998
auf deutsch erschien, beschreibt sie ihren Fußmarsch von Malchow nach
Schwerin, den sie nur deshalb überlebt hat, weil sie französische
Soldaten am Straßenrand auflasen und das letzte Stück Weg auf ihrem
Pferdewagen mitnahmen. Sie schildert die feindselige, von Angst regierte Atmosphäre
in dem besiegten Land, wo die ehemaligen Unterdrücker den umherirrenden
Gestalten in Lageruniform mit schroffer Zurückweisung begegneten. Obwohl
der Fußmarsch in Wirklichkeit kaum länger als eine Woche gedauert
hat, wird er in Millus Beschreibung zu einer langen Reise in die Vergangenheit.
Sie vergegenwärtigt ihre trostlose Kindheit und Jugend in dem engen bürgerlich-jüdischen
Milieu in Pisa, wo bigotte und vertrocknete Tanten der Halbwaisen früh
Schuldgefühle einpflanzten. Als es ihr endlich gelungen war, sich dem Diktat
der Familie durch den völligen Bruch zu entziehen, verspürte sie ein
ähnliches Freiheits- und Glücksgefühl wie später wieder,
als sie auf der einsamen und öden Landstraße, "frei von der
dreckigen Gegenwart der Menschen", alleine ihrem Ziel entgegenstrebte.
Damit komme ich zum letzten Punkt, zu Liana Millu, der "frühen Feministin".
Sie selbst definiert sich als "paleofeminista", als feministisches
Urgestein und spielt damit auf ihren harten Emanzipationskampf in der konservativen
italienischen Provinz der zwanziger Jahre an. Zwar hat man ihr Bildungsstreben
- ihre Mutter war Grundschullehrerin gewesen und eine Tante hatte an der Oberschule
Mathematik unterrichtet - nicht wirklich behindert, doch stießen ihr Wunsch
nach Selbständigkeit und Ausbruch aus familiären Bindungen auf vollkommenes
Unverständnis. Dass sie nicht, wie es sich damals für eine junge Frau
gehörte, eine ,gute Partie' machen wollte, sondern durch Berufstätigkeit
finanzielle Unabhängigkeit anstrebte und dann auch noch in einer im gut
bürgerlichen Milieu verpönten Männerdomäne wie dem Journalismus,
wurde geradezu als skandalös empfunden. Liana Millu befreite sich, indem
sie mit erreichter Volljährigkeit die Familie verließ und von da
an versuchte, sich als Einzelkämpferin durchzuschlagen. In einer sehr traditionellen,
stark an Familienwerten orientierten Kultur wie Italien ein mutiger und risikoreicher
Schritt.
Doch besser noch als anhand ihrer Biographie lässt sich meines Erachtens
Millus frühes feministisches Engagement anhand ihrer Bücher aufzeigen.
Dies gilt insbesondere für "Il fumo di Birkenau", das unter dem
Titel "Rauch über Birkenau" seit 1997 auch auf deutsch vorliegt.
Verfasst hat sie das Buch allerdings sehr viel früher, nämlich kurz
nach ihrer Rückkehr nach Italien, die im Oktober 1945 erfolgt war. Erschienen
ist das Buch 1948, also nahezu zeitgleich mit Primo Levis Erfahrungsbericht
aus dem Konzentrationslager "Se questo e' un uomo". Beide Bücher
kamen zunächst in unbedeutenden Kleinverlagen heraus - das von Liana Millu
in einem Schulbuchverlag - und beide hatten damals noch keine bemerkenswerte
Resonanz. Levis Buch wurde schließlich zehn Jahre später von dem
Verlag Einaudi übernommen. Bis "Rauch über Birkenau" eine
über die italienischen Schulen hinausgehende internationale Anerkennung
fand, mussten noch weitere vierzig Jahre vergehen. Inzwischen liegt es nicht
nur in deutscher Sprache vor, sondern auch auf holländisch, englisch, französisch
und norwegisch.
Was macht dieses Buch zu einem sowohl unter literarischen als auch feministischen
Gesichtspunkten bedeutenden Werk? Was den ersten Punkt, das Literarische betrifft,
könnte ich den deutschen ,Literaturpapst' heranziehen, der das Buch kurz
nach seinem Erscheinen in Deutschland nicht nur für sein Fernsehquartett
vorgeschlagen, sondern es dort auch höchst günstig besprochen hat.
Doch davon abgesehen besticht "Rauch über Birkenau" durch eine
Reihe überzeugender literarischer Eigenschaften. Zu nennen wären die
fabulierende Kraft einer klaren und präzisen Sprache sowie der mitreißende
Spannungsbogen, wodurch die Autorin in den sechs Erzählungen des Buchs
den Leser jedesmal neu in den Bann schlägt. Bemerkenswert ist auch das
offene Spannungsverhältnis zwischen Autobiographie und literarischer Fiktion.
Die Autorin tritt bewußt hinter ihre Figuren zurück, nimmt - trotz
durchgängiger Ich-Perspektive - eine äußerst distanzierte und
vermeintlich teilnahmslose Beobachterposition ein. Auf diese Weise gelingt es
ihr, ihre Heldinnen in den Mittelpunkt zu stellen, ihnen mehr Autonomie zu verleihen
und sie um so plastischer und genauer zu schildern. Für den Leser bedeutet
dies allerdings, dass er oft im Unklaren bleibt, ob er es in "Rauch über
Birkenau" mit ,Erlebtem' oder ,Erfundenem' zu tun hat. Für ihn tritt
die reale, grausame und inhumane Geschichte hinter den Geschichten - zumindest
zeitweise - vollkommen in den Hintergrund.
Innerhalb der Holocaust Literatur ist stellt "Rauch über Birkenau" ein Novum dar, weil es eine der wenigen, vielleicht die einzige Autobiographie ist, die aus weiblicher Sicht den Frauenalltag im Lager schildert. Dies ist um so bedeutsamer als der Entstehungszeitpunkt des Buchs lange vor der Frauenbewegung der siebziger Jahre liegt. Millus Themen sind spezifisch weibliche Lebenserfahrungen wie Geburt, Mutterschaft, eheliche Treue, aber auch Gewalt, Sexualität und Prostitution. Da ist zum Beispiel die hübsche Ungarin "Lili Marleen", die sich in einen Kapo verliebt hat und von ihrer eifersüchtigen Aufseherin, die den Kapo für sich haben will, bei einer Selektion ins Gas geschickt wird. Bruna trifft ihren Sohn wieder, der in einem Kinderkommando arbeitet, kann ihn aber nicht retten und verliert über seinen Tod den Verstand. Die holländischen Schwestern Gustine und Lotti, beide sehr religiös, haben sich entzweit. Während die eine im "Puffkommando" versucht zu überleben, geht die andere märtyrerhaft an ihrem Tugendideal zugrunde. Oder Liana Millus Kojennachbarin Maria: Bei ihrer Ankunft im Lager hat sie ihre Schwangerschaft verheimlicht. Obwohl sie genau weiß, daß sie ihr Kind, wenn es erst einmal geboren ist, "gleich in den Ofen werfen", setzt sie alles daran, um es auf die Welt zu bringen. Ihr mutiger Kampf fürs Leben endet mit einem erbarmungslosen Tod. Während die anderen beim Appell anstehen müssen, verbluten Mutter und Kind in der dreckigen Baracke auf der Strohmatte.
Liana Millus Erzählungen sind wahre Geschichten, sie rühren an, ohne sentimental zu sein, machen betroffen und nachdenklich, ohne pathetisch zu sein. Daß der Frauenalltag im Konzentrationslager anders funktionierte und von anderen Werten bestimmt war, als der der Männer, ist für die Autorin eine Selbstverständlichkeit. Den Historikern und Wissenschaftler wirft sie vor, daß sie die speziell weiblichen Aspekte des Lagerlebens noch nicht ausreichend beachtet haben: "Was bisher vernachlässigt wurde, ist die Art von Leben, das nur die Frauen im Lager herzustellen vermochten. Es weist viele Unterschiede zu dem der Männer auf. Was ich meine ist der Anschein von Normalität, den die Frauen versuchten, dem Lagerleben zu geben. Viele rissen Fäden aus den Decken und flochten daraus eine Schnur, mit der sie ihren Löffel an der Kleidung festbanden. Das war nicht ungefährlich, denn wenn man von der Kapo erwischt wurde, machte sie Scherereien. Ich habe auch Polinnen beobachtet, die stellten sich Kordeln her, machten eine Reihe von Knoten hinein und benutzten sie als Rosenkranz. Und ich erinnere mich an eine Französin, die ihre wöchentliche Margarineration dazu benutzte, ihr Gesicht gegen Falten zu schützen. Im Lager gab es eine Umwertung der Werte. Was im zivilen Leben vielleicht als Eitelkeit verpönt war, verwandelte sich hier in Widerstandskraft. Und den Frauen fiel es weniger schwer als den Männern, den einfachen und unmittelbaren Dingen und Gesten des Lebens eine Bedeutung zu geben, aus ihnen psychische und überlebensnotwendige Stärke zu schöpfen."
Liana Millu wird dem Anspruch, der sich hinter ihrer Kritik verbirgt, nämlich die Realität des Lagers mit einem anderen Blick zu betrachten, in "Rauch über Birkenau" durchaus gerecht. Die Hauptpersonen ihrer Erzählungen sind ihre Leidensgenossinnen und Kameradinnen aus dem Vernichtungslager. In der überwiegenden Mehrheit waren sie in ihrem vorherigen zivilen Dasein Hausfrauen und Mütter und als solche gewohnt den Alltag zu organisieren, für den Fortbestand der Familie zu sorgen, sich dem Nächsten zuzuwenden und Leben zu erhalten. Im Lager setzen sie diese Existenzform fort, indem sie auch hier das Naheliegende tun, das sich aus der Situation heraus ergibt. Bei ihrem Kampf ums Überleben sind sie nicht geleitet von einer vorgegebenen Ideologie oder einem fernen politischen Ziel. Ihre Widerstandskraft und ihren Lebensmut schöpfen sie vielmehr aus ihrem Gefühl - dem Gefühl der Mütterlichkeit, der Zuneigung für den Geliebten, den Sohn, den Ehemann oder die Schwester. Und es ist das Verdienst von Liana Millu, dass sie uns sehr spannend zu lesende, sehr nüchterne und zugleich sehr einfühlsame Porträts von diesen vermeintlich ,geschichtslosen' Frauen überliefert hat.
Liana Millu ist am 6.2.2005 im Alter von 9o Jahren in Genua gestorben.