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Stadtguerilla
Frauen im bewaffneten Widerstand der gap,
der gruppi di azione patriottica (Patriotische Aktionsgruppen)
Die gap, in etwa "patriotische Aktionsgruppen",
waren am 20. September 1943 von der Kommunistischen Partei ins
Leben gerufen worden. Sie unterstanden dem militärischen
Arm des cln, des Nationalen Befreiungskomitees, das selbst erst
wenige Tage zuvor, am 9. September `43, von den antifaschistischen
Parteien Italiens gegründet worden war. Dem cln unterstanden
auch fast alle weiteren Partisanenverbände.
Die Frauen und Männer der Gap führten
einen bewaffneten und klandestinen Kampf gegen die deutschen Besatzer
und italienische Faschisten. Im Gegensatz zum Guerillakampf in
den Bergen der Emilia Romagna und des Piemont, agierten die Gap
mehr in den Städten. Es existierten solche Gruppen in Florenz,
Bologna, Reggio Emilia, Mailand, Turin, Padova, Venedig, Belluno
und andernorts. Es gab zwei Arten von Gap: Zum einen die Gap di
zona, die Aktionsgruppen in den Außenbezirken, die die Organisation
und Durchführung von Sabotageakten innehatten, das Auslegen
von Krähenfüßen, die Zerstörung von elektrischen
und telefonischen Leitungen, das Sammeln von Waffen und Munition.
Zum anderen gab es die Gap centrali, Angriffsgruppen, die als
Stadtguerilla mit blitzschnellen Aktionen eingreifen sollten.
Sie zerstörten Kommandanturen, zentrale elektrische und telefonische
Leitungen, wichtige Zugstrecken und Verkehrsknotenpunkte, sie
griffen faschistische und nazistische Truppen in den Städten
an und zerstörten militärisches Material und Stützpunkte.
Klandestin und konspirativ
Die Mitglieder einer Gap lebten in absoluter
Illegalität und unter strengster Geheimhaltung, sie nahmen
einen anderen Decknamen an, waren immer bewaffnet, hatten keine
Verbindung zu ihren Familien, trafen sich selten zu gemeinsamen
Versammlungen, um sich nicht unnötig in Gefahr zu bringen
und schliefen nahezu jede Nacht an einem anderen Ort, oft in leeren
Gebäude auf dem blanken Boden, zum Waschen ging man ins öffentliche
Bad. Krankheit oder Verletzungen bedeuteten meist das Todesurteil
für die Betroffenen, da offizielle Hilfe nicht geholt werden
konnte, um nicht die gesamte Gruppe zu gefährden. Operiert
wurde in kleinen Gruppen von fünf bis sechs Personen. Die
Gefahr, dass faschistische Spione eingeschleust wurden, war sehr
hoch. Um nicht die Passagiere in einem Bus bei Entdeckung mit
zu gefährden, durchquerten die GappistInnen die Stadt meist
zu Fuß, dabei hatten sie Sprengstoff und Waffen bei sich.
Die Kommunikation und der Kontakt wurde täglich über
eine Staffette aufrecht gehalten, über Frauen, die Nachrichten
und auch Material und Waffen übermittelten.
Der Anschlag auf die Via Rasella in Rom
Carla Capponi, Deckname "Elena",
und Laura Garrone planten und führten zusammen mit anderen
Gappisten ihrer Gruppe am 23. März 1944 den Anschlag auf
ein deutsches Polizeibataillon in der Via Rasella in Rom aus,
bei dem 33 deutsche Soldaten durch eine Bombenexplosion getötet
wurden. Das Polizeibataillon aus Bozen war nach Rom beordert worden,
um die Stadt von "Banditen", wie die Nazis die PartisanInnen
nannten, zu säubern. Capponi und Garrone hatten zuvor zusammen
mit zwei anderen Gappisten die vier benötigten Bomben sorgfältig
präpariert und zusammengebaut. Am Tag des Anschlags, dem
23. März, verspätete sich das deutsche Polizeibataillon
mit den 156 Soldaten über eine Stunde. Capponi, die an der
Straßenecke zur Via Rasella auf Beobachtungsposten stand,
musste spielende Kinder unter dem Vorwand vertreiben, es stünden
Durchkämmungsaktionen der Deutschen bevor. Als die Truppen
schließlich in Sicht waren, gab Franco Calamandrei, Deckname
"Cola", das Startzeichen für die Aktion, indem
er seinen Hut lüftete. Der als Straßenkehrer verkleidete
Gappist Rosario Bentivegna zündete die Bombe, die auf seinem
Müllwagen deponiert ist und verließ schleunigst die
sich an dieser Stelle verengende Via Rasella, an der die Soldaten
vorbeiziehen sollten. Er hatte 56 Sekunden Zeit bis zur Detonation.
Als er Carla Capponi erreichte, wurden beide vom Luftdruck der
Explosion nach vorne gedrückt. Die Aktion war geglückt.
Beide wandten sich wie verabredet in Richtung Piazza Vittorio.
Das Blutbad der Deutschen in den Ardeatinischen
Höhlen
Die terroristische Vergeltungsaktion
der Deutschen war verheerend. Sie richteten ein Massaker in den
Ardeatinischen Höhlen, einem Tuffsteingewölbe, an, bei
dem sie 335 Personen, je 10 Italiener für einen getöteten
Deutschen, heimlich liquidierten.
Im bewaffneten Kampf in der Gap Roms waren viele Frauen organisiert:
Neben den beiden bereits genannten Gapistinnen Laura Garrone und
Carla Capponi operierten dort auch Lucia Ottobrini, Deckname "Maria",
Marisa Musu und Maria Teresa Regard.
Carla Capponi, Partisanin im bewaffneten Widerstand
Carla
Capponi war bei dem Anschlag in Via Rasella im März 1944
22 Jahre alt. Heute ist sie eine der 16 Kämpferinnen Italiens,
die nach Kriegsende mit der goldenen Medaille des militärischen
Widerstands ausgezeichnet wurden. In einem Interview, das sie
1997 der ZEIT gab, äußerte sie: "Was mich am meisten
ärgert, ist folgendes: In den Medien sieht es immer so aus,
als habe es nur eine Frau im italienischen Widerstand gegeben
- mich, Carla Capponi. Dabei ist das absurd. Überall in Italien
waren Frauen am Befreiungskampf beteiligt, und viele von ihnen
sind heute vergessen. Ich selbst habe in Rom mehrere Gedenktafeln
für Frauen eingeweiht, die während der Besatzung ermordet
wurden, aber viele dieser Erinnerungsstücke wurden zerstört
und dann nicht wieder neu errichtet. Es ist so praktisch, sich
Einzelpersonen herauszugreifen. Dabei war der Widerstand doch
ein kollektiver Fakt!"
Das leidige Geschlechterverhältnis
Carla Capponi war 20 Jahre alt, als sie der
kommunistischen Partei beitrat, wenig später schloss sie
sich der Gap an. Rückwirkend beschrieb sie das Verhältnis
zwischen Frauen und Männern in der Gap als nicht gänzlich
spannungsfrei: "Es gab andauernd Polemiken zwischen Männern
und Frauen. Die Männer der Gruppe nahmen sich die besten
Pistolen und wir bekamen immer den Schrott. Sie behielten die
modernsten Gewehre für sich, und wir mussten die alten Eisen
nehmen. Irgendwie war da immer ein unterschwelliges Misstrauen.
Ich erinnere mich noch genau an die Vorbereitungen für das
Attentat in der Via Rasella. Ich wurde beauftragt, die Bomben
in unser Versteck zu bringen, wo wir sie für unsere Zwecke
umbauen wollten. Ich hatte mir von einem Experten zeigen lassen,
wie man das machen sollte, aber als ich das Ding dann aufschraubte,
meinten meine Genossen sofort, dass ich ihr Leben aufs Spiel setzen
wollte...".
Ihre Mitgenossin Marisa Musu sah dagegen keine
Probleme in der Zusammenarbeitmit Männern im Widerstand.
Sie war 19 Jahre alt, als sie in die Gap eintrat. Dort nahm sie
an mehreren Guerillaaktionen teil. Schließlich wurde sie
von den Nazis gefangengenommen und gefoltert. Man verhängte
über sie die Todesstrafe. Einige Tage vor ihrer Hinrichtung
gelang ihr die Flucht. Über das Geschlechterverhältnis
in der Gap berichtet sie: "Männer und Frauen hatten
die gleichen Aufgaben und ich habe auch nicht das Gefühl,
dass die Frauen eine andere Einstellung hatten. Ich will ein kleines
Beispiel anführen. Wir wollten einen hohen faschistischen
Würdenträger töten. Wir blockierten seinen Wagen,
und als ich die Autotür aufriss, sah ich plötzlich vier
Männer vor mir, alle in faschistischer Uniform. Da es keine
Fotos gab, wusste ich nicht, welches ‚unser Mann‘ war. Ich habe
einen Moment lang gezögert und wollte sie dann einfach alle
vier erschießen. Aber mein Kommandant hat mir die Pistole
abgenommen und angeordnet, nicht zu schießen. Er war einfach
menschlich und politisch reifer als ich. Das hatte nichts mit
Mann und Frau zu tun."
Das bleibt einfach zu hoffen. Tatsache ist,
dass die wenigsten Frauen nach Kriegsende um eine Anerkennung
als Partisanin nachgesucht haben. Selbst die, die nach den offiziellen
Kriterien eine Berechtigung gehabt hätten, weil sie beispielsweise
mit Waffen gekämpft hatten, erzählten häufig nur
ihren Kindern, was sie im Widerstand geleistet hatten. Eine offizielle
staatliche Anerkennung, eine Karriere als Bürgermeisterin
oder auch nur ein Rentenanspruch, blieb für sie von daher
meist völlig aus. (Vgl.auch den Art. "Frauen im italienischen
Widerstand")
Ein Nachspiel
1997
wird die Geschichte über den Anschlag in Via Rasella abermals
aufgerollt, doch nun stehen die ehemaligen PartisanInnen auf der
Anklagebank. Richter Maurizio Pacioni möchte prüfen,
ob diese Aktion ein "legitimer Kriegsakt" war oder ob
die PartisanInnen als "illegal Kriegführende" gegen
das internationale Kriegsrecht verstoßen hätten. Carla
Capponi äußerte mit Bestürzung, dass dies das
erste Mal in der Geschichte Italiens sei, dass eine Partisanenaktion
vor einem Strafgericht untersucht würde. Sie verwies auf
die Untersuchungskommission, die sofort nach Kriegsende die Aktionen
der Gap überprüft hatte. Diese Kommission bestand aus
allen Parteien, außer der faschistischen. Nach langwierigen
Prüfungen wurde die Aktion der Gap in Rom offiziell als vollständig
legitim anerkannt. Auch Marisa Musu reagierte empört, mit
der Anklage der ParisanInnen von Via Rasella werde eine Gleichsetzung
mit den Massenmördern der Ardeatinischen Höhlen evoziert.
Doch die Anklage verliert sich im Sande. Zu einer Untersuchung
kommt es nicht.

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