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LIANA MILLU - Jüdin, Partisanin,
frühe Feministin
Ein Vortrag von Dr. Gudrun Jäger (G.Jaeger@lingua.uni-frankfurt.de)
im Rahmen eines Studientages Jüdischer Widerstand und Hilfe
für Verfolgte am 24.11.2001 in Frankfurt/Main.
Liana Millu wurde 1914 in Pisa geboren. Ihre Mutter starb, als
sie ein Jahr alt war, ihren Vater, der bald wieder heiratete,
hat sie wenig gekannt. Sie wuchs in Obhut ihrer Großeltern
auf, die gläubige Juden waren und hatte deshalb auch eine
religiöse Erziehung. Der regelmäßige Besuch der
Synagoge, die Befolgung der Speisegesetze, das Fasten zu Jom Kippur
und die rituelle Begehung des Sabbats gehörten in Liana Millus
früher Kindheit zum Alltag.
In Italien gab es seinerzeit rund 40 000 italienische Juden.
Die jüdische Gemeinde in Pisa war nicht so groß wie
die in Turin, aber von ihrer Anzahl her doch beträchtlich.
Eine Art von ,Sonderstatus' oder ,Sonderbehandlung' durch die
katholische Umwelt wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum
hat Liana Millu in ihrer Kindheit nicht erlebt. Sie besuchte die
öffentlichen Schulen und war - abgesehen vom Religiösen
- in das allgemeine kulturelle und gesellschaftliche Leben der
Stadt vollkommen integriert. "Eine rassische Diskriminierung
hat es bis zur Verabschiedung der faschistischen Rassegesetze
in Italien nicht gegeben. Jüdin sein bedeutete damals nichts
anderes als einer anderen Religion anzugehören. Es bedeutete
so viel wie Protestant oder Katholik zu sein."
Von ihrer jüdischen Herkunft hat sich Liana Millu nie distanziert,
wohl aber von ihrem jüdischen Glauben, dem sie schon als
Kind fremd gegenüberstand. "Ich bin Agnostikerin, eine
Agnostikerin, die von Kindheit an und die ganzen Jugendjahre hindurch
entschiedene Atheistin war. Wie war das möglich? Wie kann
es einem Kind passieren, das im jüdischen Glauben geboren
wird, heranwächst und liebevoll erzogen wird, dass es sich
so früh diesem Glauben entfremdet? Dabei war es nicht nur
ein Verschließen gegenüber dem jüdischen Glauben,
sondern auch gegenüber dem Glauben, dem der katholische Zweig
der Familie angehörte. Denn es war eine Familie, in der gute
Juden und gute Katholiken ein friedfertiges Auskommen hatten,
indem sie sich gegenseitig respektierten und gerne mochten, ohne
dass sich der eine der Religion des anderen jemals zu sehr angenähert
hätte. Ich glaube, dass in jenen Jahren Juden und Katholiken
bei der bloßen Vorstellung eines ökumenischen Gebets
im höchsten Maß entsetzt gewesen wären."
Das Zitat, das aus einem "Gefühl des Mysteriums"
(Il senso del mistero) überschriebenen autobiographischen
Artikel stammt, veranschaulicht sehr gut, die friedliche Koexistenz
zwischen Juden und Katholiken, das Milieu der gegenseitigen Achtung
und des vollkommenen Respekts zwischen den Religionen, wie es
Liana Millu am Beispiel ihrer eigenen Familie erlebt hat. Die
Frage allerdings, wo ihr frühkindlicher Atheismus, den sie
lange Zeit vor den Erwachsenen geheim hielt, herkommen könnte
und ob man ihn vielleicht psychologisch durch schwierige Familienkonstellationen,
womöglich durch die fehlenden Eltern erklären könnte,
bleibt in dem Artikel offen. Keinen Zweifel lässt sie dagegen
daran, dass sie im Laufe ihres Lebens dennoch zu einem gläubigen
Menschen geworden ist. Allerdings ist es weder ein politischer
noch ein religiöser Glaube, der ihr moralische Richtschnur
war. Vielmehr ist es das, was sie "fede laica" nennt,
direkt übersetzt heißt das "laizistischer Glaube"
oder auch etwas freier übersetzt "Glaube an die Menschheit"
oder "Glaube an den menschlichen Geist". Lassen wir
sie selbst sprechen: "Der laizistische Glaube, den auch Primo
Levi besaß, lässt im Geist und in der Seele einen Schutzwall
entstehen, einen uneinnehmbaren Bunker gegen die äußere
Brutalität und Niedertracht, eine Zuflucht, wo man eine Vorstellung,
einen Begriff von den Dingen bewahren kann, die das Leben lebenswert
und zivilisiert machen." Und noch ein zweites Zitat zum Thema
Glaube: "Immer wenn man mich auffordert zu reden, erzähle
ich und lege Zeugnis ab. Dabei beharre ich darauf, dass überall
dort, wo eine mächtige und brutale Gewalt sich anschickt,
den menschlichen Geist zu zerstören - wohlgemerkt den Geist
noch vor dem Körper -, dass also überall dort, wo eine
derartige Gewalt existiert, man nur widerstehen kann, wenn man
menschlich bleibt und das heißt, wenn man eine Gegenmacht
aufbaut und sich mit der moralischen Rüstung eines Glaubens
verteidigt."
1938 wurden in Italien die faschistischen Rassegesetze verabschiedet.
Für Liana Millu, deren Großmutter bereits gestorben
war und die daher fast ohne familiären Rückhalt überleben
musste, ein höchst tragisches Ereignis. Bereits am 2. und
3. September 1938 wurden Verfügungen erlassen, die die jüdischen
Kinder aus den allgemeinen Schulen ausschlossen und jüdischen
Lehrern das Unterrichten in den öffentlichen Schulen untersagten.
Im November des gleichen Jahres wurden dann weitere "Maßnahmen
zum Schutz der italienischen Rasse" verabschiedet, darunter
das Verbot der sogenannten "Mischehe".
Liana Millu, die eine pädagogische Ausbildung an einem "Istituto
Magistrale" absolviert hatte, hatte 1936 ihre Heimatstadt
verlassen und eine Stelle als Grundschullehrerin in Volterra südlich
von Pisa angetreten. Gleichzeitig hatte sie begonnen für
eine Zeitung in Livorno Artikel zu schreiben, denn ihr eigentliches
Berufsziel war es, Journalistin zu werden. Nach den Rassegesetzen
wurde sie sofort aus dem Schuldienst entlassen und verlor auch
ihre Arbeitsmöglichkeit bei der Zeitung. Sie schlug sich
fortan in verschiedenen Privathäusern in der Toskana als
Erzieherin und Gouvernante durch und ging 1940, kurz nach Italiens
Eintritt in den Krieg, aus privaten Gründen nach Genua, wo
sie heute noch lebt.
In Genua schloss sie sich 1943 gleich nach dem Einmarsch der Deutschen
der Resistenza an. Die Gruppe, zu der sie gehörte, hieß
"Otto" und war nach ihrem Gründer, dem Genueser
Arzt Ottorino Balduzzi benannt. Es war die erste Widerstandsgruppe,
der es gelungen war, Kontakt zu den Alliierten aufzunehmen. Ihr
Ziel war der Aufbau eines Nachrichtensystems und die Weiterleitung
strategisch wichtiger Informationen an die Alliierten, beispielsweise
über die Truppenbewegungen der deutschen Wehrmacht. Obwohl
die Gruppe nur fünf Monate existierte, arbeitete sie recht
effektiv. Zu ihren erfolgreichen Aktionen gehörte die Befreiung
von britischen Offizieren aus Kriegsgefangenenlagern in Ligurien.
Liana Millus Aufgabe bestand vor allem darin, die Verbindung zwischen
den über verschiedene Städte Norditaliens verstreuten
Gruppenmitgliedern aufrecht zu erhalten, das heißt sie arbeitete
vorwiegend als "staffetta", als Nachrichtenkurier.
Sie war damals sechsundzwanzig Jahre alt, unverheiratet und das
einzige weibliche Mitglied der Gruppe. Obwohl ihre Beteiligung
an der Resistenza, bedenkt man die breite soziologische und bildungsmäßige
Vielfalt der weiblichen Widerstandskämpferinnen in Italien,
sicher nicht untypisch war, war ihre Entschluss, sich gegen die
deutsche Okkupation und das faschistische Regime aktiv zur Wehr
zu setzten, doch das Resultat einer bewussten Entscheidung. Liana
Millu gehörte jedenfalls nicht zu den zahlreichen Frauen,
die von Haus aus antifaschistisch sozialisiert waren oder über
familiäre Umstände, weil sie beispielsweise ihre im
Partisanenkampf stehenden Ehemänner, Söhne oder Brüder
unterstützen wollten, in den Widerstandskampf sozusagen 'hineingewachsen'
sind. Sie kam vielmehr aus einer behüteten, bildungsbürgerlichen
Familie und hatte sich in ihrer Jugend durch eine umfassende Lektüre
eine solides humanistisches und literarisches Wissen angeeignet.
Ihre Motivation, sich an der Resistenza zu beteiligen, kann man
daher am ehesten mit einem rebellisch-humanistischen Gefühl,
mit einem aufklärerischen Impetus erklären, mit jenem
Geist also, den ich weiter oben unter dem Begriff der "fede
laica" vorgestellt habe. Wichtig scheint es mir hier jedoch
festzuhalten, dass Liana Millus jüdische Herkunft und die
Tatsache, dass sie nach den Rassegesetzen als Jüdin gezielt
diskriminiert worden war, als Motivation für ihren Eintritt
in die Resistenza keine Rolle spielte. Dies wird von ihr ausdrücklich
betont.
Im Februar 1944, also nach knapp einem halben Jahr Lebensdauer,
wurde die "Otto" durch einen eingeschmuggelten Spion
verraten und ihre Mitglieder wurden verhaftet. Liana Millu befand
sich gerade in Begleitung von zwei Kameraden, italienische Offiziere,
ausgestattet mit falschen Ausweispapieren, in einer geheimen Mission
in Venedig. Sie wurde von der faschistischen Miliz festgenommen,
verhört und es wurden Erkundigungen über sie eingeholt.
Sie rechnete mit der in solchen Fällen üblichen Vorgehensweise,
nämlich der Auslieferung an die Gestapo, wo man sie womöglich
gefoltert hätte, um Informationen über ihre Kameraden
aus ihr herauszupressen. Doch es kam alles ganz anders. Der Oberst
der faschistischen Miliz, nachdem er herausgefunden hatte, dass
Liana Millu Jüdin war, lieferte sie - aus einem Gefühl
des Mitleids heraus - nicht der Gestapo aus, sondern schickte
sie in ein normales Frauengefängnis in Venedig.
Liana Millu war über diese Entscheidung ungemein erleichtert,
weil sie eine mögliche Folterung weit mehr fürchtete
als den Tod. "Ich hatte keine Angst zu sterben, denn der
Tod war für jemanden, der sich der Resistenza anschloss,
ein einkalkuliertes Risiko. Aber ich hatte eine wahnsinnige Angst
vor der Folter, so dass ich für den Extremfall sogar eine
Rasierklinge im Absatz versteckt hatte. Außerdem fürchtete
ich, unter der Folter vielleicht Informationen über meine
Kameraden preiszugeben. Deshalb habe ich über Widerstandsaktionen
und daran beteiligte Personen nie irgendwelche Einzelheiten erfahren
wollen. Ich sagte immer: ,Sagt mir, was ich tun soll, darüber
hinaus will ich nichts wissen.'" Dass sie seinerzeit nicht
der Gestapo ausgeliefert wurde, empfand Liana Millu als großen
Glücksfall, auch wenn ihr ,Glück', wie sich allerdings
erst später herausstellte, nur darin bestand, dass sie die
Folter gegen eine möglichen Tod in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau
eingetauscht hatte. Aber das konnte sie damals nicht wissen.
Nach etwa vier Wochen im Frauengefängnis von Venedig, wo
Millu mit normalen Kriminellen wie Diebinnen, Mörderinnen,
Erpresserinnen und Prostituierten inhaftiert war, kam sie im April
1944 in das Konzentrationslager Fossoli di Carpi in der Nähe
von Modena. Bei Fossoli, einem ehemaligen Kriegsgefangenenlager,
handelte es sich um ein sogenanntes "nationales Konzentrationslager",
das heißt es war ein zentrales Sammellager, in dem die an
verschiedenen Orten Italiens meist bei Razzien verhafteten Juden,
die man vorübergehend in den Provinzkonzentrationslagern
oder den lokalen Gefängnissen festgehalten hatte, zusammengeführt
wurden. Die Errichtung eines Systems von Konzentrationslagern
in den Provinzen erfolgte in der Verantwortung der Polizeibehörden
des faschistischen Regimes von Salo', das am 30. November 1943
mit der Polizeiverordnung Nr. 5 eine entsprechende Regelung erlassen
hatte. Die Forschung hat bislang kein Dokument gefunden, wonach
diese Polizeiverordnung das Ergebnis gezielter deutscher Einflussnahme
gewesen wäre. Es muss also davon ausgegangen werden, dass
die faschistische Regierung hinsichtlich der Internierung der
jüdischen Bevölkerung aus Interesse am eigenen Machterhalt
den deutschen Okkupanten bewusst entgegenkam. Ob sich das italienische
Innenministerium und die Polizeidirektion andrerseits im Klaren
waren, welchem Ziel die Deportationen dienten, ist jedoch fraglich.
Zu diesem Ergebnis kommt zumindest Klaus Voigt in seiner Studie
"Zuflucht auf Widerruf. Exil in Italien 1933-1945".
Er schreibt: "Es spricht nichts dafür, dass mit der
Polizeiverordnung Nr. 5 autonome Vernichtungsziele verbunden waren.
Dies lässt eigentlich nur die Schlussfolgerung zu, dass das
Schicksal der Juden der Regierung von Salo' vollkommen gleichgültig
war, wenn sie nur Autorität und Handlungsfähigkeit gegenüber
der Anhängerschaft demonstrieren konnte. Der abhängige
Staat war auf die Fiktion der Souveränität angewiesen
und konnte weniger denn je auf extreme Feindbilder und die Integrationskraft
von Rassismus und Antisemitismus verzichten. Man möchte von
einem antisemitischen Aktivismus sprechen, der um der Machterhaltung
und -entfaltung willen die Aufopferung der Juden in Kauf nahm
und es unterließ, wenigstens durch Passivität ein Signal
für Obstruktion zu geben." (Bd 2, S. 365)
Das Lager von Fossoli lag strategisch günstig zwischen Nord
und Süd in der Nähe des Bahnhofs von Carpi. Es konnte,
als es voll funktionstüchtig war, bis zu 5000 Menschen aufnehmen.
Es war mit Stacheldrahtzaun umgeben und die Wachposten, es handelte
sich anfänglich um Carabinieri, verfügten über
Schilderhäuser. Ab Januar 1944 wurden in einem separaten
Bereich auch politische Häftlinge interniert. Die Verwaltung
erfolgte nach dem gleichen Muster wie die der Provinzkonzentrationslager,
das heisst der Direktor war ein von der Questura in Modena mit
Zustimmung des Innenministeriums ernannter Polizeikommissar. Für
die Instandsetzungsarbeiten und die Lebensmittelversorgung war
der Bürgermeister von Carpi zuständig.
Das Lager von Fossoli, durch dessen Aufbau das faschistische Regime
gleichsam die ,Infrastruktur' im Vorfeld der Deportationen bereitgestellt
hatte, war kaum länger als zweieinhalb Monate unter rein
italienischer Verwaltung. Danach, das heißt mit dem Einsetzen
der Deportationen, übernahmen die deutschen Sicherheitsbehörden,
die ihren Hauptsitz in Verona hatten, die Überwachung und
Leitung des Lagers. Der erste Transport mit Juden aus Fossoli
verließ am 19. Februar 1944 den Bahnhof von Carpi Richtung
Konzentrationslager Bergen-Belsen. Es handelte sich dabei um den
zweiten Transport überhaupt aus Italien. Der erste war gut
vierzehn Tage zuvor aus Mailand mit rund 600 italienischen Juden
nach Auschwitz aufgebrochen. Die Deportierten waren vorher im
Gefängnis San Vittore in Mailand und im Gefängnis von
Verona inhaftiert gewesen.
Liana Millu, die erst im April 1944 vom Gefängnis in Venedig
in das Lager Fossoli überführt worden war, war insgesamt
rund vier Wochen in dem Sammellager interniert. "Nach einem
Monat hieß es, wir kämen jetzt nach Deutschland zum
Arbeiten. ;Na gut, wenn es nur das ist', dachten wir erleichtert,
,dann arbeiten wir eben.' Am 14. Mai mußten wir auf einen
Lastwagen steigen und wurden zum Bahnhof transportiert. Vorher
hatten wir uns auf dem Schwarzmarkt noch Lebensmittel, Kleidung
und Essen besorgt."
Am 16. Mai 1944 brach von Fossoli ein Güterzug nach Bergen-Belsen
und Auschwitz auf. Von den mehrere hundert Menschen, die sich
auf die Waggons des Konvois verteilten, war ein Großteil
libysche Juden britischer Staatsangehörigkeit. Deshalb fand
der Transport nach den Richtlinien der Genfer Konvention, das
heißt unter Aufsicht des Roten Kreuzes statt und die Transportbedingungen
waren für alle vergleichsweise erträglich. In den Eisenbahnwaggons
war genügend Platz, um sich hinzulegen, es wurden regelmäßig
Pausen gemacht und es gab ausreichend zu essen. Wohin die mehrtägige
Reise ging, wussten allerdings weder Liana Millu noch ihre Leidensgenossen.
Dass das Ziel kein einfaches Arbeitslager war, wie die meisten
vermuteten, stellte sich erst bei der Ankunft in Auschwitz heraus.
"Auf einmal wurden die Waggontüren aufgerissen und wir
betraten eine inhumane Welt. Wir sahen die Kapos, die laut herumschrien
und Stockschläge verteilten, die SS mit den kläffenden
Hunden. Ich hörte dieses ,schnell! schnell!'- das erste deutsche
Wort, das ich verstand, immer dieses ,schnell! schnell! schnell!'.
Sie rissen uns die Koffer aus der Hand, stießen uns gewaltsam
aus den Waggons und trennten sofort die Alten und schwangeren
Frauen von den Jungen."
Obwohl es zunächst den Anschein hatte, daß man die
Häftlinge in Arbeitsfähige und Arbeitsunfähige
einteilte, war das wirkliche Kriterium dieser Selektion die heillose
Überfüllung des Lagers. Selbst wer, wie Liana Millu,
der Gruppe der Jüngeren zugeteilt worden war, konnte nicht
sicher sein, dem sofortigen Gastod zu entgehen. "Wir Jungen
dagegen, sowohl Männer wie Frauen, mußten uns in Fünferreihen
aufstellen. Eine Freundin von mir, die ich während des Transports
kennengelernt hatte, drehte sich um und rief: ,Komm doch in meine
Reihe!' Ich machte drei Schritte nach vorn und stellte mich neben
sie. Am Eingangstor, daran erinnere ich mich wie heute, stand
ein deutscher Offizier. Er war jung und sehr elegant. Er hielt
eine kleine Peitsche hoch. Meine Reihe hatte gerade das Tor passiert,
da senkte er die Peitsche. All die jungen Menschen, die hinter
mir waren, einschließlich derer, die in der Reihe standen,
in der ich mich vorher befunden hatte, kamen an diesem Morgen
nicht mehr in das überfüllte Lager. Sie erhielten den
Befehl zum Abmarsch in die Gaskammer. Deshalb sage ich immer,
daß ich sehr sehr großes Glück hatte. Es waren
drei Schritte, die mir das Leben retteten."
Später wies man anhand von Dokumenten nach, daß von
den achthundert Häftlingen, die an diesem Tag in Zügen
aus verschiedenen Teilen Europas herangekarrt worden waren, nur
siebzig ins Lager gekommen sind. Alle anderen sind noch am selben
Tag in den Gaskammern ermordet worden.
Insgesamt viereinhalb Monate, vom 1. Juni bis zum 15. Oktober
1944, war Liana Millu in Birkenau. Als sich gegen Ende des Jahres
der russische Vormarsch in Polen näherte, begannen die Deutschen
das Lager zu räumen: "Das war mein zweites sehr großes
Glück. Ich gehörte zu den Ersten, die evakuiert wurden,
und obendrein zu denen, die mit dem Zug wegfuhren. Als die Russen
im darauffolgenden Januar Auschwitz einnahmen, mußten die
Dagebliebenen einen siebenhundert Kilometer langen Fußmarsch
antreten. Einer von ihnen war Primo Levi."
Liana Millu wurde nach Malchow an der mecklenburgischen Seenplatte
deportiert, wo sich ein Außenlager des Konzentrationslagers
Ravensbrück befand. Dort musste sie über ein halbes
Jahr in einer im Wald versteckten Waffenfabrik täglich zwölf
Stunden für die Rüstungsindustrie arbeiten. Im Frühjahr
1945 häuften sich dann die Bombenangriffe der Alliierten,
und es verschlechterte sich die allgemeine Ernährungssituation.
Doch erst im Mai ließen die Deutschen das Lager im Stich,
und die Häftlinge konnten sich von einem Tag auf den anderen
als ,frei' betrachten. Doch was konnten sie anfangen, mit der
neu gewonnen Freiheit - mittellos und ausgemergelt, wie alle waren,
am Rande der psychischen und physischen Erschöpfung? "Schwerin"
hieß das Losungswort. Dort, zweihundert Kilometer entfernt,
verliefe die Demarkationslinie, wo sich Russen und Engländer
gegenüberstünden, und von dort aus gäbe es die
Chance, zurück in die Heimat zu kommen.
In dem autobiographischen Roman "Die Brücke von Schwerin",
den Liana Millu rund dreißig Jahre später niederschrieb
und der 1998 auf deutsch erschien, beschreibt sie ihren Fußmarsch
von Malchow nach Schwerin, den sie nur deshalb überlebt hat,
weil sie französische Soldaten am Straßenrand auflasen
und das letzte Stück Weg auf ihrem Pferdewagen mitnahmen.
Sie schildert die feindselige, von Angst regierte Atmosphäre
in dem besiegten Land, wo die ehemaligen Unterdrücker den
umherirrenden Gestalten in Lageruniform mit schroffer Zurückweisung
begegneten. Obwohl der Fußmarsch in Wirklichkeit kaum länger
als eine Woche gedauert hat, wird er in Millus Beschreibung zu
einer langen Reise in die Vergangenheit. Sie vergegenwärtigt
ihre trostlose Kindheit und Jugend in dem engen bürgerlich-jüdischen
Milieu in Pisa, wo bigotte und vertrocknete Tanten der Halbwaisen
früh Schuldgefühle einpflanzten. Als es ihr endlich
gelungen war, sich dem Diktat der Familie durch den völligen
Bruch zu entziehen, verspürte sie ein ähnliches Freiheits-
und Glücksgefühl wie später wieder, als sie auf
der einsamen und öden Landstraße, "frei von der
dreckigen Gegenwart der Menschen", alleine ihrem Ziel entgegenstrebte.
Damit komme ich zum letzten Punkt, zu Liana Millu, der "frühen
Feministin". Sie selbst definiert sich als "paleofeminista",
als feministisches Urgestein und spielt damit auf ihren harten
Emanzipationskampf in der konservativen italienischen Provinz
der zwanziger Jahre an. Zwar hat man ihr Bildungsstreben - ihre
Mutter war Grundschullehrerin gewesen und eine Tante hatte an
der Oberschule Mathematik unterrichtet - nicht wirklich behindert,
doch stießen ihr Wunsch nach Selbständigkeit und Ausbruch
aus familiären Bindungen auf vollkommenes Unverständnis.
Dass sie nicht, wie es sich damals für eine junge Frau gehörte,
eine ,gute Partie' machen wollte, sondern durch Berufstätigkeit
finanzielle Unabhängigkeit anstrebte und dann auch noch in
einer im gut bürgerlichen Milieu verpönten Männerdomäne
wie dem Journalismus, wurde geradezu als skandalös empfunden.
Liana Millu befreite sich, indem sie mit erreichter Volljährigkeit
die Familie verließ und von da an versuchte, sich als Einzelkämpferin
durchzuschlagen. In einer sehr traditionellen, stark an Familienwerten
orientierten Kultur wie Italien ein mutiger und risikoreicher
Schritt.
Doch besser noch als anhand ihrer Biographie lässt sich
meines Erachtens Millus frühes feministisches Engagement
anhand ihrer Bücher aufzeigen. Dies gilt insbesondere für
"Il fumo di Birkenau", das unter dem Titel "Rauch
über Birkenau" seit 1997 auch auf deutsch vorliegt.
Verfasst hat sie das Buch allerdings sehr viel früher, nämlich
kurz nach ihrer Rückkehr nach Italien, die im Oktober 1945
erfolgt war. Erschienen ist das Buch 1948, also nahezu zeitgleich
mit Primo Levis Erfahrungsbericht aus dem Konzentrationslager
"Se questo e' un uomo". Beide Bücher kamen zunächst
in unbedeutenden Kleinverlagen heraus - das von Liana Millu in
einem Schulbuchverlag - und beide hatten damals noch keine bemerkenswerte
Resonanz. Levis Buch wurde schließlich zehn Jahre später
von dem Verlag Einaudi übernommen. Bis "Rauch über
Birkenau" eine über die italienischen Schulen hinausgehende
internationale Anerkennung fand, mussten noch weitere vierzig
Jahre vergehen. Inzwischen liegt es nicht nur in deutscher Sprache
vor, sondern auch auf holländisch, englisch, französisch
und norwegisch.
Was macht dieses Buch zu einem sowohl unter literarischen als
auch feministischen Gesichtspunkten bedeutenden Werk? Was den
ersten Punkt, das Literarische betrifft, könnte ich den deutschen
,Literaturpapst' heranziehen, der das Buch kurz nach seinem Erscheinen
in Deutschland nicht nur für sein Fernsehquartett vorgeschlagen,
sondern es dort auch höchst günstig besprochen hat.
Doch davon abgesehen besticht "Rauch über Birkenau"
durch eine Reihe überzeugender literarischer Eigenschaften.
Zu nennen wären die fabulierende Kraft einer klaren und präzisen
Sprache sowie der mitreißende Spannungsbogen, wodurch die
Autorin in den sechs Erzählungen des Buchs den Leser jedesmal
neu in den Bann schlägt. Bemerkenswert ist auch das offene
Spannungsverhältnis zwischen Autobiographie und literarischer
Fiktion. Die Autorin tritt bewußt hinter ihre Figuren zurück,
nimmt - trotz durchgängiger Ich-Perspektive - eine äußerst
distanzierte und vermeintlich teilnahmslose Beobachterposition
ein. Auf diese Weise gelingt es ihr, ihre Heldinnen in den Mittelpunkt
zu stellen, ihnen mehr Autonomie zu verleihen und sie um so plastischer
und genauer zu schildern. Für den Leser bedeutet dies allerdings,
dass er oft im Unklaren bleibt, ob er es in "Rauch über
Birkenau" mit ,Erlebtem' oder ,Erfundenem' zu tun hat. Für
ihn tritt die reale, grausame und inhumane Geschichte hinter den
Geschichten - zumindest zeitweise - vollkommen in den Hintergrund.
Innerhalb der Holocaust Literatur ist stellt "Rauch über
Birkenau" ein Novum dar, weil es eine der wenigen, vielleicht
die einzige Autobiographie ist, die aus weiblicher Sicht den Frauenalltag
im Lager schildert. Dies ist um so bedeutsamer als der Entstehungszeitpunkt
des Buchs lange vor der Frauenbewegung der siebziger Jahre liegt.
Millus Themen sind spezifisch weibliche Lebenserfahrungen wie
Geburt, Mutterschaft, eheliche Treue, aber auch Gewalt, Sexualität
und Prostitution. Da ist zum Beispiel die hübsche Ungarin
"Lili Marleen", die sich in einen Kapo verliebt hat
und von ihrer eifersüchtigen Aufseherin, die den Kapo für
sich haben will, bei einer Selektion ins Gas geschickt wird. Bruna
trifft ihren Sohn wieder, der in einem Kinderkommando arbeitet,
kann ihn aber nicht retten und verliert über seinen Tod den
Verstand. Die holländischen Schwestern Gustine und Lotti,
beide sehr religiös, haben sich entzweit. Während die
eine im "Puffkommando" versucht zu überleben, geht
die andere märtyrerhaft an ihrem Tugendideal zugrunde. Oder
Liana Millus Kojennachbarin Maria: Bei ihrer Ankunft im Lager
hat sie ihre Schwangerschaft verheimlicht. Obwohl sie genau weiß,
daß sie ihr Kind, wenn es erst einmal geboren ist, "gleich
in den Ofen werfen", setzt sie alles daran, um es auf die
Welt zu bringen. Ihr mutiger Kampf fürs Leben endet mit einem
erbarmungslosen Tod. Während die anderen beim Appell anstehen
müssen, verbluten Mutter und Kind in der dreckigen Baracke
auf der Strohmatte.
Liana Millus Erzählungen sind wahre Geschichten, sie rühren
an, ohne sentimental zu sein, machen betroffen und nachdenklich,
ohne pathetisch zu sein. Daß der Frauenalltag im Konzentrationslager
anders funktionierte und von anderen Werten bestimmt war, als
der der Männer, ist für die Autorin eine Selbstverständlichkeit.
Den Historikern und Wissenschaftler wirft sie vor, daß sie
die speziell weiblichen Aspekte des Lagerlebens noch nicht ausreichend
beachtet haben: "Was bisher vernachlässigt wurde, ist
die Art von Leben, das nur die Frauen im Lager herzustellen vermochten.
Es weist viele Unterschiede zu dem der Männer auf. Was ich
meine ist der Anschein von Normalität, den die Frauen versuchten,
dem Lagerleben zu geben. Viele rissen Fäden aus den Decken
und flochten daraus eine Schnur, mit der sie ihren Löffel
an der Kleidung festbanden. Das war nicht ungefährlich, denn
wenn man von der Kapo erwischt wurde, machte sie Scherereien.
Ich habe auch Polinnen beobachtet, die stellten sich Kordeln her,
machten eine Reihe von Knoten hinein und benutzten sie als Rosenkranz.
Und ich erinnere mich an eine Französin, die ihre wöchentliche
Margarineration dazu benutzte, ihr Gesicht gegen Falten zu schützen.
Im Lager gab es eine Umwertung der Werte. Was im zivilen Leben
vielleicht als Eitelkeit verpönt war, verwandelte sich hier
in Widerstandskraft. Und den Frauen fiel es weniger schwer als
den Männern, den einfachen und unmittelbaren Dingen und Gesten
des Lebens eine Bedeutung zu geben, aus ihnen psychische und überlebensnotwendige
Stärke zu schöpfen."
Liana Millu wird dem Anspruch, der sich hinter ihrer Kritik verbirgt,
nämlich die Realität des Lagers mit einem anderen Blick
zu betrachten, in "Rauch über Birkenau" durchaus
gerecht. Die Hauptpersonen ihrer Erzählungen sind ihre Leidensgenossinnen
und Kameradinnen aus dem Vernichtungslager. In der überwiegenden
Mehrheit waren sie in ihrem vorherigen zivilen Dasein Hausfrauen
und Mütter und als solche gewohnt den Alltag zu organisieren,
für den Fortbestand der Familie zu sorgen, sich dem Nächsten
zuzuwenden und Leben zu erhalten. Im Lager setzen sie diese Existenzform
fort, indem sie auch hier das Naheliegende tun, das sich aus der
Situation heraus ergibt. Bei ihrem Kampf ums Überleben sind
sie nicht geleitet von einer vorgegebenen Ideologie oder einem
fernen politischen Ziel. Ihre Widerstandskraft und ihren Lebensmut
schöpfen sie vielmehr aus ihrem Gefühl - dem Gefühl
der Mütterlichkeit, der Zuneigung für den Geliebten,
den Sohn, den Ehemann oder die Schwester. Und es ist das Verdienst
von Liana Millu, dass sie uns sehr spannend zu lesende, sehr nüchterne
und zugleich sehr einfühlsame Porträts von diesen vermeintlich
,geschichtslosen' Frauen überliefert hat.
Liana Millu ist am 6.2.2005 im Alter von 9o Jahren in Genua gestorben.

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